Der Duft von Lavendel


Die Rosen übten eine magische Anziehungskraft aus, trotz aller verdorrten Blüten oder gerade deswegen? Letzten Herbst wollte ich sie nicht schneiden, trotz aller Ermahnungen wie hässlich sie doch wären. Wie kann eine Rose hässlich sein? Es ist der Kreislauf der Natur, dass auf die volle Blüte der Abend kommt und mit ihm die Vergänglichkeit. Behutsam zupfte ich die vertrockneten Spitzen ab, bedacht darauf, mich nicht an den Dornen zu verletzen. Doch da waren keine spitzen Dornen, die sich in meine Haut bohren konnten. Der eine Strauch im Beet mit den Kletterrosen hatte vieles zu entfernen. „Bitte befrei mich von den toten Spitzen“, schien sie zu flüstern. „Nun ist die Zeit gekommen, sich zu lösen.“ Langsam die erste, dann die zweite um nur ja nicht einen zarten Ast zu verletzten, der voller Leben steckte. Nach und nach erlangte ich den Mut, einfach draufloszuarbeiten, jedoch die Achtsamkeit immer im Hinterkopf habend. Fest waren die Blütenköpfe nun, die an die Stelle von orangen, duftenden Blüten getreten waren. Alles alte Laub lag zu ihren Füßen, ohne dass es ein Zutun von menschlicher Hand benötigte. War es Intuition oder konnte ich endlich zuhören. Wozu all die Ratgeber und Bücher über Rosenpflege, wenn sie ohnehin mit dir sprechen. Lediglich die Stille braucht es dazu; keine Gartenschere die nur die lebenden Stiele unnötig quälen würde. Nein, was es zu entfernen galt, konnte von Hand geschehen ohne Kraftanwendung einer scharfen Schere. Die Kärtchen steckten teilweise noch in der Erde um dem Interessierten zu zeigen, welche Pracht sich im Sommer zeigen würde, aber haben nicht alle ihre eigene Schönheit? Ob es sich nun um die kleine Strauchrose handelt, die aus der Kraft der weißen Karen Blixen schöpft oder die bodenbedeckende Sorte, die sonst nie alleine in einem Beet stehen darf und ihr Dasein in der Herde fristet, nie die Chance auf einen Betrachter auf sich alleine hat. Nie, immer nur in Gemeinschaft mit anderen. Kein „Sieh doch nur wie schön diese Blüten sind!“ sondern „ schau Dir diese Pracht an, die Harmonie in diesem Beet, das so dicht von Blüten umgeben ist!“

Auf dem Kärtchen stand: im Februar auf fünfzehn Zentimeter zurückschneiden. Welche Qual für dieses zarte Pflänzchen, zart wie der erste Morgentau und unscheinbar. Schmerzen zufügen um Blütenpracht zum Vorschein zu bringen. Aus Angst könnte sie wachsen, aber nicht weil es dem Lauf der Dinge entspricht. Wie viel ist eine Blüte wert, die aus Angst gewachsen ist und wie viel ein ganzes Beet mit angsterfüllten Artgenossen? Haben wir verlernt die natürliche Schönheit zu erkennen und übersehen die kleinen Wunder. „Der Respekt vor dem großen Ganzen lehrt uns den Unterschied“, flüstert die kleine, unscheinbare Rose „und nur wer Ehrfurcht und Achtung vor den Wehrlosen hat, verdient die wahre Schönheit in seiner allumfassenden Pracht zu erblicken. Es ist das Zuhören in der Stille, denn wir sprechen nur leise, aber deutlich zu denjenigen die bereit sind uns zuzuhören und dann hören sie uns ständig. Wo immer sie auch sind, denn sie haben es verdient Eins zu sein mit dem Ganzen.“

War es der Duft von Lavendel, der mich währenddessen begleitete und leitete?

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